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Der Sporn, auf dem heute die Liestaler Altstadt steht, trug schon in römischer Zeit eine Siedlung. Im 4. Jahrhundert, in den Krisen der Spätantike, scheint man zum Schutze der wichtigen Hauensteinstrassen an der Stelle eine kleine Festung errichtet zu haben. In diesen vorstädtischen Siedlungskern liessen vermutlich die fränkischen Könige im 7. Jahrhundert eine erste Kirche setzen, die sie ihrem wichtigsten Schutzheiligen Martin von Tours weihten. Mehrfach umgebaut und erweitert, entstand daraus im Laufe der Jahrhunderte die heutige Stadtkirche.
Darum herum entwickelte sich eine Siedlung. Sie dürfte schon vor der Zeit der Stadtgründung durch die Grafen von Frohburg (um 1250) recht bedeutend gewesen sein. Allerdings weiss man kaum etwas über sie, weil praktisch nirgendwo mehr archäologische Substanz aus der Zeit erhalten ist.
Anlässlich der Renovation von 1942 fanden unter schwierigen Umständen Notgrabungen statt. Die ungeeignete, durch äussere Umstände diktierte Grabungstechnik und die mangelhafte Qualität der Dokumentation führten leider dazu, dass es heute mehr Fragen als Antworten zur Frühgeschichte der Stadtkirche gibt. Bisher war unklar, ob sich einige dieser Fragen durch neue Grabungen vielleicht noch klären liessen.
Als nun der Boden des Chores im Rahmen einer Neugestaltung tiefergelegt werden sollte, bot sich der Archäologie Baselland eine Gelegenheit, die Grabungsresultate von 1942 zumindest in einem Teilbereich zu überprüfen. Schon in der kleinen Grabungsfläche zeigte sich rasch, dass die bisherige Skepsis gegenüber den Altgrabungen mehr als begründet war. Die Bauphasen, die man im Chorbereich glaubte erkennen zu können, gibt es nicht; dafür existieren andere, von denen man keine Ahnung hatte.
Das wichtigste Resultat ist sicher, dass eine romanische Kirche des 11./12. Jahrhunderts zumindest in der bisher angenommenen Form nie existiert hat. Die Untersuchungen von 2005 zeigen, dass die Baugeschichte wesentlich komplexer war als man meinte. Ein im heutigen Chor nachgewiesener älterer Rechteckchor gehört zum Beispiel zu einer Bauphase, die man zuvor noch gar nicht kannte. Mit modernen Analysen dürften auch die Datierungen noch verbindlicher werden. Highlight der Grabung ist ein Münzschatz aus dem 10. Jahrhundert. Nach der Konservierung der 36 Silberdenare wird man mehr über die Stellung Liestals in der damaligen Zeit in Erfahrrung bringen können.
Die neuen Erkenntnisse sind erst ansatzweise in eine gesamte Sicht einzubinden. Die ältesten Spuren sind im heutigen Kirchenschiff zu suchen, das in der neuen Grabung unangetastet blieb. Und weil die An- und Umbauten der Kirche von dort ausgingen, sind die neuen Entdeckungen im Chor erst in einen Zusammenhang zu bringen, wenn auch das Schiff nochmals archäologisch untersucht ist.
Reto Marti
Juni 2005
Literatur: Reto Marti, Zwischen Römerzeit und Mittelalter. Forschungen zur frühmittelalterlichen Siedlungsgeschichte der Nordwestschweiz. Archäologie und Museum 41 (Liestal 2000) Bd. A, bes. 180 ff; Bd. B, bes. 163 ff.
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